Esslinger Woche 24.11.2004

Abschied vom Arbeitskreis “Kein Neubaugebiet Zeller Egert”
Der Sieg

Von Wilhelm Blumerski

„Mit dieser E-Mail erhalten Sie die letzte Pressemitteilung unseres Arbeitskreises ‘Kein Neubaugebiet Zeller Egert’”. Mit diesem Satz verabschiedete sich am Montag der Sprecher der Gegner des Baugebiets Egert, Werner Barth, von der Presse - aber vermutlich nicht von seinen Idealen.
Jedenfalls haben es die Mitglieder des Arbeitskreises augenscheinlich eingesehen, dass sie das Neubaugebiet auf der Höhe ĂŒber Zell doch nicht verhindern können. Mit den Worten „Wir trauern um unser Naherholungsgebiet", beginnt denn auch die eigene Grabrede.

Und der Frust sitzt tief: Seit 17. November wĂŒrden die Baumaschinen ĂŒber die HochflĂ€che des Egert rollen und die Erschließungsstraßen vorbereiten. „Eine Jahrhunderte lang landwirtschaftlich genutzte FlĂ€che wird dem Kornmerz geopfert und ĂŒberbaut". Viele Zeller und Esslinger BĂŒrger hĂ€tten sich jahrelang gegen diesen „Irrsinn" gewehrt, viele Fragen an die EntscheidungstrĂ€ger gestellt und „wenig befriedigende oder gar keine Antworten" erhalten. Da soll die Zeller Ortsmitte aufgewertet werden, gleichzeitig quetsche man den Verkehr des Neubaugebiets durch diese Ortsmitte. Inzwischen spreche sogar die Stadtverwaltung von einer „Splittersiedlung", was frĂŒher energisch bestritten worden sei. Argumente hĂ€tten in den letzten Jahren nichts gezĂ€hlt, seien sie noch so stichhaltig gewesen. Vielmehr hĂ€tte die Devise gelautet: „Wir wollen das, und damit basta!"

Wie nachhaltig in diesen Jahren gegen die eigene Bevölkerung, gegen die eigenen WĂ€hler, gearbeitet worden sei, zeige sich mittlerweile besonders deutlich an der Zusammensetzung der politischen Gremien nach der letzten Kommunalwahl. Entsprechend fĂ€llt auch das Fazit von Werner Barth und seinen Mitstreitern nach fĂŒnf Jahren Arbeitskreis aus: „Schade, dass es in unserem Gemeinwesen fĂŒr den normalen BĂŒrger offensichtlich unmöglich ist, derartige Fehlentwicklungen abzuwenden." Immerhin: Die Mehrheit in den Entscheidungsgremien hat fĂŒr das Baugebiet votiert. Oder anders gesagt: Die BefĂŒrworter der offiziellen Esslinger Baupolitik haben gesiegt.

Dies anerkennen auch Werner Barth und der Arbeitskreis: „Die Zeller mĂŒssen sich jetzt wohl oder ĂŒbel den RealitĂ€ten stellen. BĂŒrger und Verwaltung mĂŒssen nun gemeinsam Wege finden, die nachteiligen Auswirkungen auf den Ort und die Umwelt zu begrenzen."

Alle, die jetzt triumpfierend feixen möchten, weil fortschrittsfeindliche BedenkentrĂ€ger und egoistische Dorfrevoluzzer, (die ja eh bloß ihre ganz persönliche Idylle retten wollten) trotz ihres leidenschaftlichen Kampfes unterlegen sind, seien daran erinnert: Politische Schadenfreude zahlt sich nicht aus.

Der Arbeitskreis in des gibt sich fast staatsmĂ€nnisch: Das Wichtigste und gleichzeitig das Schwierigste sei nun, die kĂŒnftigen NeubĂŒrger zu integrieren, damit in den Köpfen Alt-Zell und Neu-Zell zusammenwĂ€chst.
Ein guter Verlierer ist auch ein Sieger.